20. Marabana Marathon

Havana Cuba

Nach unserer Ankunft in der Cubanischen Hauptstadt am Donnerstag und einer Stadtbesichtigung Havanas am Freitag, stand am Samstag Vormittag das Abholen der Startunterlagen auf dem Programm.

Wer in Deutschland oder der Schweiz an Läufen teilgenommen hat, wo mittlerweile alles über Computer läuft, wundert sich über das Procedere in Cuba. Alles Handarbeit, aber es funktioniert trotzdem!

Pastaparty muß man nicht immer mitnehmen. Beim Marabana Marathon sollte man sie jedoch nicht verpassen. Im Sportzentrum, welches ziemlich heruntergekommen ist, fand sie statt.

Die Nudeln, mit einer Fleischsoße und Käse wurden am Tisch serviert. Daniela hat das Mahl ganz verweigert und selbst ich habe nur einen Teil essen können, so “lecker” war das Essen. Es war uns aber letztlich so lieber, als wenn man für uns “reiche” Touristen eine gestellte Party organisiert hätten.

Zum Marathontag hieß es früh aufstehen. Kurz nach 4 Uhr klingelte der Wecker. Schöne Ferien!

Im Startbereich herrschte schon reges Treiben, als wir 1 ½ Stunden vor dem Marathon eintrafen. Das Aufwärmen bestand aus Salsa, welche die Einheimischen zur Musik tanzten. Viele der etwa 700 internationalen Marathon Touristen ließen sich von der Stimmung sogar anstecken, die in einer Polonaise ihren Höhepunkt fand.

Pünktlich 7 Uhr der Startschuss. Zeitig genug das die Sonne aufgegangen ist, aber noch nicht all zu heiß scheint.

Starkes Gedränge auf den ersten Metern, mit einem Sturz, knapp neben mit. Zeitgleich wurden neben den Marathon Läufern auch die kürzeren Wettbewerbe gestartet. Neben der klassischen Strecke wurde der Halbmarathon, ein 10 Km-Lauf, die “Friedensmeile” sowie eine Staffel auf die Strecke geschickt. Von unserer Reisezeit- Gruppe liefen 17 den Marathon. Insgesamt sind 2000 Läufer aus 70 Nationen gestartet.

Vom Capitol geht es leicht bergab, Richtung Meer, wo der Weg dann 8 Km entlang der Uferstraße, dem Malecon führt. Bemerkenswert dort die Interessenvertretung der USA. Der Hauptfeind Cubas soll sich dort nicht all zu wohl fühlen, wie es den Anschein hat. Ein schwarzes Fahnenmeer unmittelbar neben dem streng bewachten Gebäude. Dazu große Propagandawände, deren Aussagekraft eindeutig ist. US-Präsident Bush wird als Terrorist bezeichnet und mit Hitler verglichen.

Von der Uferstraße ging es stadteinwärts, wo einige deftige Anstiege auf uns warteten, die bei der Streckenbesichtigung aus dem Bus harmlos erschienen. Nach 11 Km hat man freilich noch Kraft, die Steigungen einigermaßen mit Schwung zu nehmen.

Zum Stadtbild von Havana gehören Hunde. Von der Charakteristik unterscheiden sie sich von den mitteleuropäischen Kläffern. Sie sind nie aggressiv, nicht einmal zu laufenden Menschen. Beim Sportzentrum lief ein junger Hund neben uns Läufern ein Stück mit. Als er einen Radfahrer sah, blieb er unvermittelt stehen. Im letzten Moment konnte ich ihm noch ausweichen.

Der Marathon geht über 2 Runden. So sind anfangs die gleichzeitig gestarteten Halbmarathonis und Kurzläufer auf der Strecke. Seit Beginn lief bei mir eine einheimische Läuferin, die zwar eine Startnummer des Staffellaufes trug, jedoch weiterlief, nachdem sie ihre Staffelmütze nach 5 Km weitergab. Hatte ihr anfangs Wasser gereicht, welches, sehr praktisch, in Plastiktüten ausgegeben wird. Kurz vor der Halbmarathonmarke, bei der sie ausstieg, konnte sie mich ein letztes mal überholen.

Die 2. Runde wurde ein einsames Rennen. Musste ab und zu schauen, den richtigen Weg zu finden. Die herumliegenden Wassertüten und Orangestücken auf der Straße, die als Verpflegung verteilt wurden, machten die Orientierung leichter.

Wind war aufgekommen. Am Malecon, direkt am Meer, blies er so stark, dass man kaum noch vorwärts kam. Rainer, aus unserer “Reisezeit” - Gruppe überholte mich am Ende der Uferstraße. Er hatte sich den Havana Marathon zu seinem 100. Marathon an seinem Geburtstag ausgesucht.

Ich habe schon vor der Halbmarathonmarke nachlassende Kräfte gespürt. Nach der Durchgangszeit zur Hälfte, 1:35, hatte ich auch kaum Hoffnung auf eine Zeit unter 3:10, die ich vor dem Lauf für realistisch hielt.

Die lange Gerade entlang des Malecon, bei Gegenwind, geben mir den Rest. Hinzu kommt, dass wir seit unserer Ankunft auf Cuba, den mit Abstand heißesten Tag erwischt haben. Meine Kilometerzeiten werden immer länger. Vom Meer, Richtung Innenstadt wird die Strecke wieder abwechslungsreicher. Wir umkreisen das Cludad Desportiva, das Sportzentrum Havanas. Obligatorisch geht es am Platz der Revolution vorbei. Dort haben wir am Vortag gesehen, wie für Fidel Castros Feier zum 80. Geburtstag geprobt wurde.

Da ich immer langsamer werde, blicke ich mich immer mal um, ob Daniela von hinten kommt. Kurz nach KM 40 schließt sie auf. Zusammen legen wir die letzten beiden Kilometer zurück.

Vor dem Lauf bin ich gefragt worden, ob wir zusammen laufen würden. “Ich hoffe nicht”, war meine ehrliche Antwort. Wenn man die (selbstgestoppte) Zeit sieht, muss ich eingestehen, dass für mich, nach einer langen Saison und einer Muskelverletzung noch im Oktober, nicht mehr drin lag. Anderseits aber erfreulicherweise auch, dass Daniela einen sehr guten Marathon gelaufen ist. Unter den Bedingungen sehe ich die Zeit sogar als “gefühlte Bestzeit”.

Erst am nächsten Tag konnten wir der einzigen Cubanischen Tageszeitung, Granma, entnehmen, dass Daniela 3. Frau des 20. Marabana Marathon geworden ist. Offenbar ist sie nach dem Lauf zur Siegerehrung zu spät gekommen.

Nichtsdestotrotz ist das ein weiterer großer Erfolg und der Abschluss einer sehr guten Saison.

Havana und der Marathon sind ein Erlebnis. Die Stadt ist ein lebendes Automobilmuseum. “Lada” und Moskwitsch”, aus sowjetischer Produktion stehen im Kontrast zu den amerikanischen Limousinen aus den 50er Jahren. Bei den motorisierten 2-Rädern sind Jawa (Tscheslowakei), und MZ aus der DDR mit Abstand am häufigsten zu sehen. Die wechselvolle Geschichte Cubas kann so auf den Straßen nachvollzogen werden.

Cuba ist, gerade nach dem Zusammenbruch des Ostblockes, ein armes Land. Die sozialen Unterschiede sind dennoch auffallend gering. Luxusvillen sucht man genau so vergebens wie Slums. Sicher leben die meisten Menschen in einfachsten, für uns unvorstellbaren Umständen. Die Bevölkerung ist trotzdem sauber und ordentlich gekleidet, auch außerhalb der Hauptstadt. Auch die Straßen sind, vom teils schlechten baulichen Zustand abgesehen, sauber. Unrat, Abfall am Straßenrand sieht man weit weniger als an mancher Schweizer Nationalstraße.

Nach dem Marathon wurden wir häufig angesprochen, ob wir unsere Laufschuhe oder Kleider abgeben würden. Wir haben das aber selten als unangenehmen Betteln empfunden. Schließlich haben wir auch das Angebot in den hiesigen Sportgeschäften gesehen, wo ungeeignetes Material, zu für Cubaner unbezahlbaren Preisen angeboten wurde. So haben wir beim Lauf das abenteuerlichste Schuhwerk gesehen. Badelatschen waren nicht selten, barfüßig waren mehrere unterwegs. Die Luxusvariante waren Schuhe, die so verschlissen waren, dass wir sie nicht einmal mehr zum Rasenmähen tragen würden.

Der Marathon ist für Läufer, die das kalkulierbare Abenteuer suchen, durchaus zu empfehlen. Sicher muss man bei der Organisation Nachsicht walten lassen. Rangliste etwa, geschweige denn im Internet, war bis jetzt nicht aufzutreiben. Von Danielas 3. Patz haben wir, wie oben erwähnt, erst am Folgetag in der Zeitung gelesen, mit einer Zeit, die 8 Minuten über der von mir handgestoppten lag. Dafür war die Wasserversorgung unterwegs sehr gut. Auch wird vor und nach dem Lauf ein ärztlicher Check angeboten.

Man wird sicher nicht nur wegen des Marathon nach Cuba fliegen. Es bietet sich an länger zu bleiben. Wir sind dann nach Playa Pesquero geflogen, wo wir für gut eine Woche die Wärme und das Meer genießen konnten.


Peter Nußeck

9.12.2006


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