100 Km Biel 17./18. Juni 2011.

Eine besondere "Nacht der Nächte".

Persönlicher Rennbericht von Peter Nußeck

 

Mit den von meinem Arbeitgeber reduzierten Ferientagen muss ich sparsam umgehen. Trotzdem habe ich mir für den Freitag, den 17. Juni 2011 einen gegönnt. Diesen Tag aber dann verschlafen und vertrödelt, ohne schlechtem Gewissen. Denn am Abend stand der Start beim 53. Bieler 100 km Lauf auf dem Programm. Dazu hatte ich mich erst spät entschieden.

Bei einem gemeinsamen Training erwähnte unsere Freundin Jacqueline Keller, die sich für Biel vorbereitete, dass Dieter Baumann die 100 Km in Angriff nehmen will. Ein Olympiasieger über 5000 Meter, und zumindest  in Deutschland, beliebtes Läuferidol, ist  vielleicht die sportlich prominenteste Figur, die jemals bei den Bieler Lauftagen an den Start gehen wollte. Das war dann für mich der Ausschlag, es doch selber in Biel zu wagen. Freilich wissend, dass er mir auf der endlos langen Strecke auch nicht helfen könnte. Insgeheim dennoch in der der Hoffnung, den großen Dieter Baumann doch irgendwo, am Rande eines Blitzlichtgewitters, zu sehen.

Kurz vor 10 Uhr beim neuen Start in der Bieler Innenstadt, steht ein unauffälliger Mann links neben mir. Einiges kleiner als ich, drahtig, mit altmodischer Brille  der Hände schütteln muss. Wigald Boning. Komiker, Musiker , Autor. Und Ultrasportler. Meiner Frage, ob er denn nicht immer lustig sei erwiderte er: Um diese Zeit läge er normalerweise im Bett. Er beendet den Lauf in 11:43

Vor 10 Jahren sind wir uns schon mal über den Weg gelaufen, ohne uns zu sehen. Mein Augenmerk lag seinerzeit auf den Zieleinlauf meines Freundes Jürg, der in Winterthur seinen ersten Marathon lief. War überrascht, dass er es gleich unter 3:30 schaffte. Das ein gewisser Wigald Boning nur 14 Sekunden nach ihm einlief, hatte ich später erst der Rangliste entnommen. Jürg war seit daher mein Betreuer auf dem Rad, wenn ich die 100 Km laufen wollte.

Also los zur Nacht der Nächte. Vorsichtig anlaufen, wissend, dass noch eine unendliche Strecke vor mir liegt. Schon in Biel laufe ich auf die Halbmarathonläufer auf, die am Ende des Feldes mit Stöcken unterwegs sind.  Versuche nicht zu kraftaufwändig zu überholen.

Wie sich später herausstellte, war das nicht als weiteres Handicap für die 100 Km gedacht, sondern Fehlleitung für das Feld der Halb- und Marathonläufer, die somit über 7 km weniger absolvierten. Dafür vom Veranstalter nächstes Jahr nochmals umsonst starten dürfen. Natürlich ärgerlich für die Betroffenen, zumal das nicht der erste gravierende Fehler mit einer Strecke bei den Bieler Lauftagen ist. Anderseits darf man auch anfügen, dass bei der Länge der Strecke, zu nachtschlafender Zeit von ehrenamtlichen Helfern, die am Tag womöglich noch gearbeitet haben, gewisse Fehler nicht ausgeschlossen sind.

Gute Stimmung wie immer in Aarberg nach der fototrächtigen Holzbrücke über dem Marktplatz. Dort geht es leicht bergauf und man muss zusehen, dass man sich durch die tolle Stimmung nicht zu einem Zwischenspurt verleiten lässt. In Lyss dürfen dann die Velobegleiter dazu stoßen. Die bald kommenden Steigungen erfordern gleich vollen Einsatz.

Mit meinem Begleiter Jürg bin ich ein seit vielen Teilnahmen eingespieltes Team. Er meint, ich sei gut in der Zeit. Habe auch selber ein gutes Gefühl, obwohl erst ein Viertel der Strecke bewältigt ist. In Oberramsern ist das Ziel für den (verkürzten) Marathon und erste Möglichkeit als Teilstrecke gewertet auszusteigen. Daran verschwende ich freilich keinen Gedanken. Kulminationspunkt ist dann erst Kirchberg nach ca. 55 Km, wo die 2. Teilstrecke winkt. Rein in den warmen Bus, statt über den als Ho Chi Minh Pfad berüchtigten 10 km langen Emmendamm? Das wäre schon verlockend.

Aber nichts da. Nach kurzem Verpflegungsstopp geht es weiter. Der Pfad ist tagsüber sicher nicht der Rede wert. Nach über 5 Stunden auf den Beinen, Müdigkeit und Dunkelheit ist man schnell über eine Wurzel gestolpert. Ich nehme die Vorsichtsvariante und versuche konzentriert zu laufen. Werde dabei von einigen Staffettenläufern überholt, die in Kirchberg eingestiegen, noch frisch sind. Torsten Knesebeck, den ich schon am Start gesehen hatte, treffe ich am Verpflegungspunkt in der Mitte des Emmendammes. Er klagte über Schmerzen und muss sich zurück fallen lassen. Wir kennen uns seit einigen Jahren, auch wenn wir uns nur selten sehen. Weiß noch, wie er mich vor 3 Jahren in Biel spontan umarmte, als er hörte, dass ich in Kirchberg aufgeben musste. Torsten stammt, wie ich aus Thüringen.

Auf den Tag genau vor 20 Jahren bin ich in die Schweiz gekommen. Hatte seinerzeit keinerlei sportlichen Ambitionen. Seit einigen Jahren bin ich mit Daniela verheiratet, mit der ich die Leidenschaft für die langen Laufstrecken und den Bieler 100 Km Lauf im Besonderen teile. Bereits zum 11. Mal bin auf der Strecke des Bieler Hunderters unterwegs. Diesen Lauf zu beenden, unabhängig von Zeit und Platzierung, ist ein Erlebnis, dass man sich mit keinem Geld der Welt erkaufen kann, sondern sich hart erarbeiten muss und in dieser Form für mich immer noch einzigartig ist.

Bin dann froh, den Ho Chi Minh sturzfrei überstanden zu haben. Nun gibt es am Körper kaum noch eine schmerzfreie Stelle. Noch immer liegt ein voller Marathon vor mir. Der letzte Aufstieg nach Bibern. Langsam erwacht der Tag. Die letzten Lebensgeister schwinden. Die Gefällstrecke runter nach Arch lässt bei jedem Schritt die Oberschenkel schmerzen. Noch 20 unendlich lange Kilometer, flach dem Aareufer entlang. Auf den letzten 15 Kilometern will ich versuchen, mich mit Musik zu mobilisieren.  Heinz Rudolf Kunze singt „Wozu Feinde“. Die „Sultans of Swing“ gönnen mir beim finalen Solo einen wohligen kalten Schauer auf dem Rücken. Natürlich darf „Speedway At Nazareth“ nicht fehlen. Es geht schnurgerade den Nidau-Büren-Kanal entlang. Dieses Stück ist neu. Zumindest bleiben uns die 30 Meter Aufstieg der alten Strecke erspart. Nach „Piper To The End“ stelle ich die Musik ab.

Es geht auf den letzten Kilometer, bei dem es noch ein paar Richtungsänderungen gibt. Vor mir taucht ein Läufer in rotem Trägershirt auf, der die Orientierung verloren zu haben scheint. Er dreht sich kurz um. Es ist Dieter Baumann.

Ich rufe ihm im Vorbeilaufen zu: „Dieter, hier entlang!“. Scheint mich nicht gehört zu haben. Oder waren das die Endorphine, die bei mir verrückt spielen? Dieter Baumann ist doch längst im Ziel und läuft sich noch locker aus, sich am Leiden des Fußvolkes erfreuend.

Ich schau über die Schulter und sehe Torsten. Die letzten 500 Meter. Da läuft man nicht mehr um Sekunden und Platzierungen. Ohne viele Worte beschließen wir, zusammen ins Ziel zu laufen. Was für ein Finish. Wir liegen uns in den Armen. Geschafft nach 9:44 Stunden von Biel nach Biel, Hundert Kilometer Platz 95 und 96 (die man gleich werten darf).

Es wird getuschelt im Zielbereich. Er kommt. Dieter Baumann kommt! Rettet sich noch auf den 99. Rang! War doch nicht am Auslaufen! Nach den ersten Gratulanten klopfe ich ihm auf die Schulter. Meine Frage: „Nie wieder Biel?“ beantwortet er „Das weiß ich noch net“.

Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Emotional war dieser 100 Km Lauf in Biel sicher einer der schönste, auch wenn ich meiner Bestzeit nun schon über 1 ½ Stunden hinterherlaufe.

Nie wieder Biel. Bis zum nächsten Jahr?

Text: Peter Nußeck Juni 2011

Bilder: Jürg Roost

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