Saubere Verhältnisse

Wie wertvoll ist die Vorhaut? Ärzte, Schwule und Selbsthilfegruppen führen einen skurril anmutenden Glaubenskrieg um die Beschneidung des Mannes.

Dichter und Denker haben dem Penis manch würdiges Denkmal gesetzt. Als "roten Gewaltherren" besang ihn etwa der deutsche Romantiker Friedrich Schlegel, der Amerikaner Philip Roth rhapsodierte über seinen "Vaselingesalbten"; Friedrich Nietzsche erhob des Mannes Zier gar zum "ehrwürdigen Symbol an sich".Der Vorhaut hingegen flocht kein Literat je solche Kränze. Jetzt aber beflügelt das schrumpelige Stückchen Pelle ausgerechnet eine Berufsgruppe, die ansonsten nicht durch ornamentierte Sprache auffällt, zu geradezu poetischen Höhenflügen.Wie eine "verwitterte Flöte", schrieben kürzlich zwei Mediziner im "Indian Journal of Surgery", mute so manche Vorhaut an. Kollegen in den USA und Europa gemahnte das Präputium wahlweise an einen "Köcher", einen "Rollladen" und ein "Käppi"; ein kalifornischer Arzt erblickte in der Vorhaut gar "die Formfreude des hohen Barock".Die schrägen Metaphern sind gleichsam das Feldgeschrei in einem skurril anmutenden Glaubenskrieg um Sinn, Zweck und Nutzen der Vorhaut, der zur Zeit vor allem in den Vereinigten Staaten wogt. Mit fast religiösem Eifer beharken dabei einander:
die Ärzte, von denen ein Teil darauf beharrt, allen Knaben müsse aus medizinichen Gründen sofort nach der Geburt die Vorhaut per Beschneidung ("Zirkumzision") entfernt werden - was der andere Teil nicht ohne Grund für wissenschaftlich kostümierten Unfug hält;
die Schwulen, die sich vornehmlich im Internet über die ästhetischen und sexuellen Valeurs der chirurgisch freigelegten Eichel im Vergleich zum naturbelassenen Penis fetzen: "Eure unbeschnittenen Schwänze zu wichsen", wies ein besonders engagierter Diskutant die Gegenfraktion zurecht, "ist einfach widerlich";
die sich gegenseitig radikalisierenden Selbsthilfegruppen männerbewegter Beschnittener, die über die "sexuelle Verstümmelung" an ihren Gliedern wehklagen und jetzt ihr "Menschenrecht auf eine Vorhaut" einfordern - kein Problem für die moderne Technik, die auch für diese Facette des menschlichen Leids einige, wenn auch recht bizarre Lösungen bereit hält.
Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Streit um die Vorhaut im Gefolge einer Verlautbarung des amerikanischen Pädiaterbundes (AAP), der bislang empfahl, allen männlichen Neugeborenen das Präputium zu entfernen - als Prophylaxe gegen Harnwegsinfektionen und Peniskrebs.Nun hat die einflussreiche Organisation der Kinderärzte ihre bislang fest zementierte Meinung radikal geändert und erklärt, dass eine chirurgisch freigelegte Eichel für das Wohlergehen des Menschen nicht wesentlich sei - für die Beschneidungsaktivisten brach eine Welt zusammen.Prompt sahen sie hygienische Übelstände ohnegleichen unter den Vorhäuten zukünftiger Generationen heraufziehen und warnten vor "verkrusteten Eicheln", "verpilzten Präputialsäcken" und "schwersten Phimosen" - wohl nicht ohne Hintergedanken, denn schließlich nimmt der amerikanische Doktor dem Knaben nicht nur die Vorhaut ab, sondern seinen Eltern auch bis zu 400 Dollar.Nun aber, so wenigstens hoffen die Anti-Zirkumzisionisten nach dem AAP-Spruch, wird bald Schluss sein mit der Geldschneiderei, zumindest in den USA, wo die wahrscheinlich älteste Operation der Welt auch die häufigste ist.Schon vor 5000 Jahren traten in Ägypten Beschneider mit ihren Steinmessern dem Nachwuchs nahe. Juden verlieren seit den Zeiten Abrahams, der sich auf Geheiß des Herrn noch im seligen Alter von 99 Jahren beschneiden lassen musste, ihre Vorhaut am achten Tag nach der Geburt; ebenfalls aus rituellen Gründen wird jedem, den der Muezzin zum Beten ruft, das intime Gewebe zwischen dem 12. und dem 14. Lebensjahr gekürzt.Wie eine Reliquie verehrte die Christenheit - allerdings in sechs Wallfahrtsorten zugleich - seit dem 12. Jahrhundert die Vorhaut des jüdischen Schreinersohnes Jesus; dessen Zirkumzision feierte die katholische Kirche alle Jahre wieder, pünktlich am 1. Januar, acht Tage nach Christi Geburt, mit dem "Fest der Beschneidung des Herrn" - bis der Vatikan 1960 den Gedenktag verschleiernd in "Oktav der Geburt des Herrn" umbenannte.Obwohl Gottes eingeborener Sohn und seine zwölf Apostel beschnitten waren, legten weder Päpste noch Klerus gesteigerten Wert auf die Metzelei am Membrum virile. Das Abendland blieb weitgehend unbeschnitten. Einzige Ausnahme sind die wackeren Engländer, deren Oberschicht ihre Söhne seit je fast ausnahmslos ans Messer liefert. Der Deutsche hingegen hält, wie der Hamburger Urologie-Professor Hartmut Porst konstatiert, schichtenübergreifend "an seinem Schniedelhütchen fest".In den USA, wo die nachgeburtliche ("neonatale") Zirkumzision um 1870 populär wurde, verlieren jährlich 1,2 Millionen unschuldiger Christen-Kinder ihre Vorhaut; alle 30 Sekunden fällt ein Präputium - Götze eines Rituals, das die Beschneidungsaktivisten mit messianisch anmutendem Eifer verteidigen.Die Befürworter des rabiaten Zugriffs sind Saubermänner. Ihr Feind ist die sogenannte Vorhautbutter ("Smegma"), jene graue, käsig-pastöse Masse aus Talgdrüsensekret und abgeschilferten Hautpartikeln, die im Zusammenwirken mit Harnsalzen bei extremen Genitalsäuen schon mal zu kristallinen Brocken ("Smegmolithen") inkrustieren kann.Dem unterm Präputium verborgenen Smegma trauten die Freunde sauberer Verhältnisse seit jeher das Schlimmste zu: Sie machten die bedeckte Eichel unter anderem für Epilepsie, Lähmungen, rektale Inkontinenz und die lebensbedrohliche Onanitis verantwortlich, die man früher so fürchtete wie heute den Krebs. In derselben Manier schrecken die approbierten Vorhautjäger dieser Tage präputial intakte Männer mit der Behauptung, bei ihnen sei das Risiko einer krebsigen Entartung des Gliedes deutlich erhöht; zudem müssten sie vermehrt mit Entzündungen, Geschlechtskrankheiten und schmerzhaften Verengungen der Vorhaut ("Phimosen") rechnen.Nicht minder dick tragen bei dieser akademischen Version des Kreuzzuges freilich auch die Beschneidungsgegner auf. Besonders Phantasiegesteuerte wie Dr. Paul Fleiss, der Wortführer des Widerstands, verklären das Smegma schier zur Wunderpaste und die Vorhaut zum Mysterikon: Beide spielten, so behaupten er und seine Mitstreiter, eine immens wichtige Rolle bei der Immunabwehr, weshalb der Mann sein präputiales Biotop keinesfalls durch Waschen zerstören dürfe.Den einzig praxisnahen Beitrag zur Diskussion lieferte Heidi, die Tochter des Doktor Fleiss, die vor Jahren als Chefin von Hollywoods größtem Callgirl-Ring enttarnt wurde. Auf die Frage, ob für die Frau ein Penis mit oder ohne Haut erregender sei, gab sie fachkundig zu Protokoll: "Das ist gehüpft wie gesprungen."Zur gleichen Aussage kommen die wenigen Beschneidungsstudien, die sich auf den gesunden Menschenverstand stützen statt auf fixe Ideen und kurios interpolierte Krankheitsdaten aus den Tiefen Indiens und Afrikas. Diese Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass es dem Penis ziemlich gleichgültig ist, ob er beschnitten wurde oder nicht: Er bleibt, ob nun bedeckt oder blank, bei 99 Prozent der heterosexuellen Männer zeitlebens frei von ernsthaften Beschwerden.Nur die munter in sexualibus experimentierenden Schwulen zwickt es öfter an dem Gliede, mit dem sie sich vergnügen. Denn auf Dauer ist die zarte Vorhaut den Strapazen des Analverkehrs nicht gewachsen, auch die dann notwendigen operativen Sanierungen des Präputiums fordern ihren Tribut.Wenigstens gegen die schmerzhafte Phimose haben skandinavische Mediziner jetzt ein Verfahren ersonnen, mit dem sich sogar gravierende Vorhautverengungen unblutig beheben lassen - mittels bestimmter Dehnübungen, die das Präputium weiten und damit wieder verkehrsfähig machen.Bei dem Versuch, dem von Natur aus reichlich jämmerlichen Aussehen des männlichen Glieds aufzuhelfen, ringen beschneidungsbereite Schwule aufopferungsvoll um die optimale Genitaloptik.Präferiert wird derzeit der "High Cut", bei dem die Vorhaut bis unter den Eichelkranz entfernt wird; schwer im Kommen bei Beschnitt-Novizen ist aber der überaus elegante "Low Cut", für den der Doktor lediglich das obere Drittel der Vorhaut wegzirkelt. Dabei kann er dem die helle Eichel anmutig umspielenden Rest-Präputium eine individuelle Linie geben - entweder durch die blutige Schnittführung mit dem Skalpell oder aber durch die Wahl der Pressklemme, die der Patient etwa zwei Wochen tragen muss, bis das Vorhautgewebe nekrotisiert ist und abfällt.Ihr Präputium unbedingt wieder dran haben will hingegen die rasch wachsende Zahl der Männerbewegten, die sich in Betroffenengruppen wie der Nationalen Organisation zur Wiederherstellung des Mannes (Norm) zusammengeschlossen haben. Sie verfügen über eine hohe Empörungsenergie und leiden an chronischer Entrüstung sowie dem Umstand, dass sie als Säuglinge nicht gefragt worden sind, ob sie beschnitten werden wollten oder nicht.Sein ganzes Leben habe er seine Vorhaut vermisst, klagt etwa Gerry, 34, "dieses einzigartige Organ" mit seinen vielen tausend Nervenenden, 90 Zentimetern Adergeflecht und 100 Schweißdrüsen. Mit Geduld und Klebestreifen versucht er nun, die ihm am Penisstamm verbliebene Vorhaut mittels einer an die Inquisition gemahnenden Dehntechnik so zu längen, dass sie in etwa zwei Jahren seine Eichel halbwegs bedeckt.Auch nicht geschwinder geht es mit den "Tuggers", unterschiedlich schweren Zylindern aus Edelstahl, die fühlbar an der Gliedhaut ziepen und die Epidermis so um die ersehnten zwei bis drei Zentimeter dehnen. Den ungleich schnelleren Weg der Transplantation eines Hautlappens lehnen die Beschnittenen-Lobbyisten (Kampfruf: "Macht Amerika für Vorhäute sicher") durchweg ab: Was sie einst unter Schmerzen verloren, wollen sie nur unter Schmerzen wiedergewinnen.Dabei empfinden nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihre Partnerinnen erhebliches Leid über den chirurgischen Handstreich von einst, dessen Folgen die Frau eines Beschnittenen in einer "Ode an die fehlende Vorhaut meines Ehemannes" anrührend beklagt: "Wie viel Freude wäre mir beschieden, / Könnt' ich Dich auf- und abwärts schieben; / Ich sähe, wie der Spaß in seinen Augen steht, / Und sein Druck nach oben geht ."

HENRY GLASS
aus DER SPIEGEL

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