Die Nacht der Nächte

Die 100 Km von Biel, eine Faszination für sich. Freitag, ein Tag wie auf einer Achterbahn. Voll motiviert, Freude auf die bevorstehende Nacht.

Kurze Zeit später Zweifel. Ich packe das nicht, 100 Km sind so verdammt weit. Ich starte nicht!

Peter, der immer an mich glaubt, motiviert mich, das “selbstbewusstlose” Wesen, immer und immer wieder.

22 Uhr. Endlich geht es los. Cecil läuft neben mir die ersten paar Kilometer. Ich muss auf mein Körper hören. Ihr Tempo ist nicht mein Tempo. Zu schnell.

Gemeinsam mit Hanspeter überquere ich die Holzbrücke von Aarberg. Schöne Stimmung, es läuft von alleine.

In Lyss stößt Armin mit dem Fahrrad dazu. Mit viel Feingefühl und der Erfahrung eines ehemaligen 100 Km Läufers betreut er mich.

Schritt für Schritt geht es Richtung Oberamsern, Km 38. Ich hasse diesen Abschnitt. 38 Km, eine lange Distanz und trotzdem ist man noch nirgends.

Kurz nach Oberamsern geht es bergauf. Armin ruft, “Nicht so schnell, finde dein Tempo, kurze Schritte, auf der Höhe beschleunigen”. Wie recht er doch hat.

Auf der Höhe Richtung Kirchberg, Km 56, kann ich durch die schöne Vollmondnacht den Weissenstein erkennen. Was für eine Nacht!

Kirchberg, Peter ruft mir zu. Was ist passiert?

Er leidet! Zusammen laufen wir durch den Ho Chi Min Pfad. Peter erholt sich etwas.

Gemeinsam als Ehepaar an einem 100 Km Lauf zu laufen ist wohl etwas einmaliges.

Vielleicht wird’s nie wieder so schön.

Ich habe nur positive Gedanken. In der Zeit des positiven Denkens hat es kein Platz für negatives. Worte von einer Ironman Lady, die wohl im mentalen Bereich eine der stärksten ist.

Ich wollte ein perfektes Rennen laufen, nur auf meinen Körper hören. Peter litt wie ein Hund. “Geh!”, rief er, “lauf!” Ich kann doch nichteinfach davon laufen. Er tat mir so leid. Ich lief nach langem hadern selbst weiter das lange Tal Richtung 80 Km Marke.

Nochmals ging es hoch. Und wie! Mit Musik auf den Ohren lief es immer noch sehr gut.

Apropos Musik. Rammstein, eigentlich keine Musik. Einfach Krach pur. Ramstein auf den Ohren den Berg hinauf. Oben angelangt hielt ich die Arme in die Höhe. Es lief einfach sensationell.

Noch waren es etwa 20 Km. Ich sage zu Armin: “Nur noch meine Hausrunde”

Richtung Büren, der Aare entlang ging die Sonne auf. Schönes Licht über den noch grünen Getreidefeldern. Ein kleiner Anstieg bei Km 93. Letztes Jahr musste ich hier gehen. Heute nicht, obwohl die Beine langsam etwas schwerer wurden.

“Kurze Schritte, Lauftempo beibehalten”, ruft Armin, deutlich außer Atem. “ “Noch einmal was essen” meint mein Coach und riet, beim nächsten mal die Kartoffeln zu salzen.

Wie geht es Peter? Ich erzähle von seinem Ansinnen, sich eine Glatze schneiden zu wollen, wenn ich unter die ersten 5 Frauen komme. Armin musste mir versprechen, wenn ich im Ziel bin Peter entgegen zu fahren und ihn von diesem Vorhaben abzuhalten.

Noch vier Kilometer, das Ziel kommt näher.

Km 98, soll ich schon mal Lächeln üben?

99 Km, was für eine Zahl!

Noch einen Kilometer.

Armin und ich in der Zielgeraden. 1 0 0 Kilometer! Was für Emotionen!

Partner Armin, ich danke dir. Ohne dich hätte ich das nie geschafft.

Mit meinem Blumenstrauß gehe ich humpelnd Peter entgegen, in der Hoffnung, dass auch er bald erlöst wird, von dem langen Weg von Biel nach Biel.

Endlich, locker sieht das aus bei ihm. So gut es geht laufe ich schnell in den Zielraum zurück. Wir haben es geschafft! Tränen fließen. Gefühle, die kann man nicht beschreiben. Das ist die Nacht der Nächte!

Nie wieder Biel! Das haben wir uns auf den Co Chi Min Pfad geschworen.

Heute- Biel wir kommen wieder!

Daniela Nusseck- Haller
12. Juni 2006