100 Km Lauf Biel 2006

Schrecksekunde am Donnerstag vor dem Bieler Hunderter.

Jürg, mein bewährter Radbegleiter, ruft an, er ist krank. Erkältung. Wenn es schlimmer würde, könne er mich nicht betreuen. Auch für den Velobegleiter sind die 100 Km kein Zuckerschlecken.

Wir telefonieren rum, wen ich als Ersatz nehmen könnte. Bernhard Meyer, sonst Betreuer für Cecil würde mich betreuen.

Am Freitag Vormittag dann die frohe Botschaft, dass Jürg doch fit genug ist.

Die Spannung im Hause Nusseck am Freitag ist zu spüren. Am Nachmittag finden wir dann doch noch etwas Schlaf.

Der Start Punkt 22 Uhr mit einem lauten Schuss. Endlich geht es los. Ich laufe vorsichtig an. Die Uhr zeigt 4:30 min/km an. Gutes Tempo, nicht schneller werden. Schöne Atmosphäre durch Biel, auch wenn sicher schon mehrere Zuschauer da waren.

Der Weg nach Aarberg ist angenehm zu laufen. Die Zeit vergeht schnell, habe nicht das Gefühl schon 17 km gelaufen zu sein.

Die Holzbrücke in Aarberg vor dem Marktplatz ist ein Markenzeichen des Hunderters. Die Stimmungshochburg des Laufes.

In Lyss steigt dann Jürg in das Rennen ein. Die Radbegleiter werden erst dann auf die Strecke gelassen, wenn sich das Feld weit genug auseinandergezogen hat.

Es läuft noch relativ gut. Ab Km 30 werden die Beine schwerer. Stoffwechselumstellung von Kohlenhydraten auf Fett. Ein normaler Vorgang. Mein Körper ist trainiert dafür. Sonntag für Sonntag sind wir oft stundenlang trainieren gewesen. Bei dem langen Winter hat das nicht immer Spaß gemacht.

Ich werde immer langsamer. Was ist los? Keine Kraft. Versuche mit Getränken, den mitgeführten Kartoffeln aus dem Loch zu kommen. Es will mir nicht gelingen.

Hanspeter Bolliger überholt mich bei vor Km 50.

Was nun? Im Vorjahr bin ich in Kirchberg mit sauren Beinen raus. Bei der 2. Teilstrecke wird man noch gewertet. Verdränge den Gedanken ans Aufgeben. Massage wäre ein Versuch.

Bei der Verpflegungsstelle in Kirchberg kommt schon Daniela! Nichts mit massieren. An Aufgeben ist nicht zu denken.

Schließlich laufen wir zusammen durch den berüchtigten Ho-Chi-Min Pfad., den gut 10 km langen, schmalen Weg der Emme entlang. Kann mich sogar wieder etwas erholen. Meinen MP3 Player läuft. Ich singe leise Sailing To Philadelphia von Mark Knopfler mit.

Kann Daniela sogar etwas ziehen. Nach dem Ho-Chi-Min merke ich wieder, wie die Kräfte schwinden. Rede auf Daniela ein, ihr Tempo zu gehen. Sie will mit mir das Rennen mit mir beenden. Bei einer Verpflegungsstelle bleibe ich stehen, sie läuft weiter. Merke, dass ich keine Chance habe wieder heran zu kommen. Armin, Danielas Begleiter, lässt sich zurückfallen, fragt nach dem Befinden.

Sie soll ihr Tempo gehen, ich habe nichts mehr zuzusetzen.

Wie eine Uhr läuft sie im immer größer werdenden Abstand.

So ein starkes Frauenfeld gab es selten in Biel. Die Vorjahressiegerin , Sonja Knöpfli, frühere 5000 M Schweizer Meisterin, will die 100 Km Bestzeit angreifen. Als weitere Favoritin ist Brigitte Wolf gemeldet. Sie war vor wenigen Jahre Weltmeisterin im Orientierungslauf und suchte eine neue sportliche Herausforderung.

Bei so einen starken Frauenfeld dachte ich nicht, dass Daniela ihre Top 10 Platzierung wiederholen könnte. Anderseits ist sie im vergangenen Jahr durch Probleme im Oberschenkel und schlechten Blutwerten gebremst worden.

Wenn ich es richtig gezählt hatte, waren nur 2 Frauen vor ihr. Kaum zu glauben! Aber immer lagen noch 30 Km vor uns.

Nichts ging mehr bei mir. Alle 10 Meter musste Jürg eine halbe Pedalumdrehung mit dem Rad machen, um den Vortrieb zu sichern. Die Beine schwer wie Blei. Wie soll ich jemals ins Ziel kommen. Ich will sterben.

Rammstein, brachiale Lärmmusik, würde ich zu Hause nie hören. Hatte mir dennoch ein paar Stücke auf den PM3 Player geladen. !„Links, Zwo Drei Vier“. Für wenige Schritte geht es besser.

Noch 20 Km. Irgend wie, irgend wann komme ich in Ziel!

Zwischen Km 80 und 95. Das werden die schlimmsten Kilometer in meinem Läufereben. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr.

„Speedway At Nazareth“. Das war Konzerthöhepunkt von Mark Knopflers Konzert genau vor einer Woche in Zürich. Fängt harmlos an, als Countrysong. Mit einem furiosen Ende. Jürg hat wieder eine runden Tritt. Noch 5 Kilometer!

„Telegraph Road“, Dire Straits. Km 97. Ich fliege!

Das Schild Km 99. Daniela längst im Ziel. Was für eine Nacht!

Der Zieleinlauf, Daniela dritte Frau erwartet mich.

Gefühle, die ich nicht mehr imstande bin in Worte zu fassen. Wir liegen uns in den Armen, heulen wie Schlosshunde.

Für Daniela, 9:13 Stunden, der Lauf ihres Lebens! Lohn für unzählige Trainingskilometer früh morgens, mit Stirnlampe und Pfefferspray.





Peter Nußeck
11. Juni 2006