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100 Km Lauf Biel 2009

 

Es war mein 8. Start für die Nacht der Nächte. Wenn man glaubt, es würde mit Erfahrung mehrerer Ultraläufe einfacher, irrt. Die Anspannung im Vorfeld, die Nervosität vor dem Start bleiben.

Die Wetterprognose war optimal, habe über den Winter gut trainieren können. Den Nordschwarzwald- Marathon und der Rennsteiglauf sollten eine solide Grundlage bieten für die 100 Kilometer von Biel nach Biel.

Punkt 10 Uhr am Abend der Startschuss vor der Bieler Eishalle. Etwa 2000 Läufer nahmen diese außergewöhnliche Herausforderung in Angriff. In der Startaufstellung stand Cecil unmittelbar neben mir. Sie läuft traditionell recht schnell an. Ich wollte versuchen meinen Rhythmus zu finden und mich nicht unbewusst von ihr ziehen zu lassen. Dennoch sind wir bis Aarberg immer nahe bei einander gelaufen. Auf dem Marktplatz, bei prächtiger Stimmung, nahm sie mir ein paar Meter ab. Später, auf dem Weg nach Lyss, konnte ich mich dann mehr und mehr absetzen. Sie lag zu diesem Zeitpunkt an 2. Stelle. Auf dem ersten Anstieg in Port sind wir von der späteren Siegerin Deborah Balz überholt worden. Sie lief ziemlich kraftvoll. Ich glaubte nicht daran, dass sie mit diesem kraftraubend aussehenden Laufstiel die 100 Km in diesem Tempo absolvieren könnte.

In Lyss stoßen dann die Radbegleiter zu den Läufern. Bin mit Jürg, meinem Coach bei fast allen meinen Starts in Biel, ein eingespieltes Team. Es ist die Erfahrung mehrerer mit dem Rad betreuter Läufe, dass man sich nicht zu sehr ziehen lässt, anderseits vom Betreuer klug, wenn er sich die ersten Kilometer etwas hinter dem Läufer aufhält.

Die Kilometermarkierungen sind zwischen Km 5 und 95 alle 5 Kilometer. Nach Kilometer 35 merkte ich, wie die Zeitabstände zwischen den Tafeln immer größer wurden. Nach Km 56 kommen wir nach Kirchberg und es geht auf den Ho Chi Minh-Pfad, dem ca. 10 Km langen Emmendamm. Nach einigen Überschwemmungen in den letzten Jahren sind die Wege teilweise neu erstellt worden. Den Schrecken früherer Jahre hat er verloren. Bei Tageslicht ist es ein normaler Wanderweg. Dennoch ist der Weg teilweise steinig mir einigen Wurzeln durchsetzt und nach über 5 Stunden Laufzeit, zu nachtschlafender Zeit, lässt die Konzentration langsam aber sicher nach.

So kam es, dass meine Stirnlampe Richtung Sternenhimmel leuchtete, nachdem ich über eine Wurzel gestolpert war und am Boden lag. Leichte Abschürfungen am rechten Arm und an der Hand, sonst schien alles gut zu sein. Als ich mich wieder aufgerafft hatte, merkte ich, dass ich wohl auch mit dem Oberschenkel aufgekommen sein musste. Jedenfalls schmerzte er nun ordentlich. So schleppte ich mich weiter.

Langsam erwachte der Tag und die letzten Kräfte schwunden. Bergab und in der Geraden, behindert mich der angeschlagenen Oberschenkel. Bergauf fehlt die Kraft. Lege schon Gehpausen ein.

Jürg lies sich zurückfallen, um nach Hanspeter Ausschau zu halten, der ohne Begleiter unterwegs war. Zurück die Nachricht, dass Cecil ein paar Minuten hinter mir war und aufholte. Ich ergab mich dem Schicksal, bis auf die Ausnahme, bei den Verpflegungspunkten nicht mehr die unendlichen Gehpausen einzulegen.  Ich konnte nichts mehr hinzuzusetzen als sie mich überholte.  Ich griff nach ihrer (kalten) Hand und wünschte ihr alles Gute.

Was dann passierte kann ich weder nachvollziehen noch begreifen. Vermutlich werde ich mit Dopingvorwürfen konfrontiert.

Mit einem Schlag war alle Müdigkeit und alle Schmerzen weg!  Hole Cecil schnell  wieder ein, kann mich sogar absetzen. Sie kann nicht mehr gegenhalten. Ich fliege förmlich. Jürg musste Zug auf seine Kette geben, die seit Stunden kaum gefordert war. Ein Blick auf die Uhr, Km82 . Zu früh für einen Endspurt.  Egal. Sage zu Jürg: Ich habe jetzt laute Musik.  „Telegraph Road“ etwa 3x. ! Vierzehn Minuten Dire Straits in Endlosschlaufe. Jedes Mal wenn Mark Knopfler das letzte "Down The Telegraph Road" singt und der Song in das grandiose Gitarrensolo übergeht, balle ich die Hand zur Faust, es läuft mir kalt den Rücken herunter, der Puls schlägt bis zum Hals. Kein Halt mehr bei den letzten beiden Verpflegungsstellen.

Bei Kilometer 98 stelle ich die Musik ab, will das Finale genießen.

Nach 9:33 Stunden komme ich überglücklich ins Ziel. Das letzte Mal 100 Km Biel für mich. Eine Nacht, die ich nie vergessen werde.

Peter Nußeck

Juni 2009